Als das Reisen Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland immer populärer wurde war es vor allem der Harz, der die Reisenden faszinierte. Denn hier verbinden sich bis heute eine einzigartige Naturlandschaft mit spannenden kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten und vielen mystischen Sagen. Die wohl bekannteste ist die Geschichte von der Walpurgisnacht: Einer alten Legende nach fliegen in der Nacht zum 1. Mai die Hexen auf ihren Besenstielen zum Brocken, um dort mit dem Teufel zu feiern.
Auch die Dichter der damaligen Zeit waren begeistert vom Harz. 1759 durchwanderte Friedrich Gottlieb Klopstock das Bodetal, 1777 bereiste Johann Wolfgang von Goethe das Gebirge, 1783 zum zweiten, ein Jahr später zum dritten Mal. Heinrich von Kleist reiste 1797 und 1798 in den Harz. Es folgten Ende des 18. Jahrhunderts die romantischen Dichter Ludwig Tieck, Novalis und Joseph von Eichendorff. Heinrich Heine wanderte 1824 im Harz, später waren es Ludwig Uhland, Wilhelm Raabe, Theodor Fontane und Hermann Löns. 1831 durchwanderte auch der dänische Dichter Hans Christian Andersen das Gebirge.
Die Verlobungsurne , 1845/46 von württembergischen Adligen errichtet; Foto: Neumann/HARZVERBAND e.V.
Häufig besucht wurde das Selketal, in dem sich der namengebende Fluss Selke durch üppige Mischwälder, weitläufige Wiesen und bizarre Felsformationen, mal brausend, mal plätschernd seinen Weg bahnt. Gut erkunden lässt sich das Naturschutzgebiet auf dem Selketal-Stieg, der vor 20 Jahren eingeweiht wurde. Der 75 Kilometer lange Fernwanderweg führt vom Ort Stiege bis zur UNESCO-Welterbestadt Quedlinburg. Beliebt ist er wegen seiner naturnahen Wege, seiner eindrucksvollen Landschaften und der einzigartigen Kulturlandschaft. Er führt an geschichtsträchtigen Burgen und Schlössern vorbei sowie durch hübsche Städtchen wie Ballenstedt, Falkenstein/Harz und Harzgerode.
Hüttenmuseum zeigt Industriekultur des 19. Jahrhunderts
Besonders populär am Selketal-Stieg ist die rund sieben Kilometer lange Strecke zwischen den Orten Mägdesprung und Alexisbad. Sehenswert in Mägesprung ist vor allem das begehbare technische Denkmal Carlswerk. Auf Grund des Erzvorkommens und der direkten Lage an der Selke wurde in Mägdesprung 1827 eine Eisenhütte errichtet. Seit dem Einstellen des technischen Produktionsbetriebes der Eisenverhüttung und -verarbeitung im Jahr 1991 ist Mägdesprung ein einzigartiges, begehbares Flächendenkmal der Montanindustrie mit authentischen Bauwerken des industriekulturellen Erbes. Zeugnisse dieser Zeit befinden sich im Hüttenmuseum Carlswerk.
Der Teepavillon in Alexisbad, eine 1812/15 erbaute Kapelle; Foto: fotoweberei, Luca Weber
Oberhalb Mägdesprungs, auf dem rechten Steilufer des Selktals, liegt die Mägdetrappe. Dies ist eine kleine Senkung im Felsen, welche die Form eines menschlichen Fußes aufweist. Hier hat der Sage nach eine Riesin zum Sprung über das Tal angesetzt und dabei eine Vertiefung im Fels hinterlassen. In der Nähe der Mägdetrappe steht das Alexiuskreuz, das 1837 zum Andenken an Herzog Alexius Friedrich Christian von Anhalt-Bernburg (1767 bis 1834), ab 1807 regierender Fürst von Anhalt-Bernburg, errichtet wurde. Das Kreuz ist ein Produkt der Eisengießerei Mägdesprung. Eine weitere Attraktion im Mägdesprung ist der Obelisk, der 1812 aufgestellt wurde. Er wurde im Auftrag von Herzog Alexius errichtet und diente dem Gedenken an dessen Vater. Doch auf Grund akuter Baufälligkeit der Gußeisenkonstruktion musste die stählernen Riesennadel 1976 abgerissen werden. Lediglich der Sockel mit der Gedenktafel blieb erhalten.
Von Räubern und Riesen
1831 besuchte Hans Christian Andersen auf seiner Wanderung durch den Harz Mägdesprung, heute ein Ortsteil der Stadt Harzgerode. Er hatte sich mit zwei Schülern aus Berlin und Magdeburg zusammengetan und war in der Dämmerung ganz froh darüber, denn den drei jungen Männern begegnete ein „Kerl, der so aussah, als sei er leibhaftig aus einer Räubergeschichte entsprungen“, schrieb Andersen in sein Tagebuch. Bald sahen die Wanderer das schwarze, eiserne Kreuz auf dem Felsen der Mägdetrappe. Andersen war fasziniert von der Sage vom Sprung der Riesin, aber auch von Mägdesprung selbst. Er habe sich diesen Ort näher betrachten müssen, „der jeden tief ergreift, der die große Natur liebt“, schrieb Andersen.
In Richtung Alexisbad zeigen sich entlang des Stiegs die Verlobungsurne, der Luisentempel und die Köthener Hütte. Die Verlobungsurne wurde 1845/1846 von einer Gruppe württembergischer Adligen errichtet. Sie sollte an einen unbeschwerten Kurauftenhalt 1845 in Alexisbad erinnern. Auf einem Plateau hoch über dem Tal steht der runde Luisentempel, benannt nach Wilhelmine Luise, Tochter des Herzogs Alexius. Sie war ihrer Heimat sehr verbunden. Ihr zur Ehre und Erinnerung wurde der Tempel errichtet. Die Köthener Hütte, 1897 ausgebaut, befindet sich auf dem sogenannten Kapellenfelsen direkt am Selketal-Stieg. Die markante Schutzhütte wirkt durch ihren pittoresken Glockenturm und den weißen Anstrich wie eine Kapelle und ist ein beliebtes Wanderziel mit schöner Aussicht.
Herbstlich verfärbte Wälder. Foto: IMG
In das ehemalige Kurbad zieht neues Leben ein
Alexisbad ist heute ein Ortsteil der Stadt Harzgerode. Bereits ab 1767 begann die auf den Bergbau zurückgehende Bäder- und Brunnennutzung. Unter Herzog Alexius wurde das Stollenwasser in Alexisbad untersucht und aufgrund des Gehalts an Jod, Eisen und Fluor für Kuranwendungen empfohlen. Um 1810/12 führte ein auflebender Kurbetrieb zur Errichtung einer Badeanstalt, zur Gründung einer Brunnendirektion und damit zur Entstehung von Alexisbad. Auch heute noch ist Alexisbad ein namhafter Luftkurort, der seinen Gästen mit seiner naturnahen Lage und der Überschaubarkeit des Ortes unweigerlich Ruhe und Entspannung bringt. Mit dem Verkauf des seit langem leerstehenden Bahnhofs an einen privaten Investor sowie den geplanten Sanierungen des historischen Logier- und Badehauses entstehen neue Perspektiven für den traditionsreichen Kurort. Ein bis heute gut erhaltenes Bauwerk in Alexisbad ist die nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel 1812/15 als sogenannter Teepavillon erbaute Kapelle. Heute finden neben Gottesdiensten auch regelmäßige Konzerte sowie Eheschließungen statt.
Ein bekannter Kurgast in Alexisbad war 1820 Carl Maria von Weber, der Komponist der Oper „Der Freischütz“. Und auch Hans Christian Andersen besuchte 1831 auf seiner Harzwanderung den Kurort. In seinem Tagebuch schrieb er, dass in einem tempelförmigen Gebäude ein junges Mädchen mit einem Krug gesessen hätte und ein Mann Andersen und den beiden Schülern das Wasser aus dem Alexisbrunnen gereicht hätte – ein Bild, das den Dichter an eine biblische Szene erinnerte: „Die Schüler und ich standen da, wie durstige Kamele, die von der Hitze und dem Marsch des Tages müde waren, so dass wir zusammen ein vollständiges Gemälde aus der biblischen Geschichte bildeten“, schrieb Andersen in sein Tagebuch.
Wandern als wichtigstes touristisches Segment
Wie beliebt der Harz auch heute ist, zeigt eine aktuelle Tourismus-Statistik: Allein im Juli 2026 wurden 110 448 Gästeankünfte, ein Plus von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, und 322 811 Gästeübernachtungen, ein Plus von 6,8 Prozent registriert. Es sei vor allem das Wanderm, das die Touristen fasziniert, sagt die Geschäftsführerin den Harzer Tourismusverband e.V., Carola Schmidt. „Das Wandern als Aktivität gehört zu den zentralen Reisemotivationen der Gäste, die den Harz besuchen. Unser ca. 8.000 km umfassendes Wegenetz, darunter bekannte Fernwanderwege wie der Harzer-Hexen-Stieg, der Karstwanderweg oder eben der Selketal-Stieg, bietet dafür eine umfang- und abwechslungsreiche Angebotsstruktur."
Das Selketal von Ackeburg aus betrachtet. Foto: Krauss
Autorin: Beate Hagen
Mehr Informationen:
Harzer Tourismusverband e.V., Urlaub im Harz - Harzer Tourismusverband e. V.,
HARZVERBAND e.V., Portalseite - Portalseite,
Harzklub e.V., Startseite - Harzklub
Die Sage vom Mägdesprung
Eine Riesenjungfrau erwartete in alter Zeit ihre Freundin aus dem Thüringer Wald. Bald sah sie die Freundin in Riesenschritten nahen. Zuletzt trennte sie nur noch die Schlucht des heutigen Selketals. Da aber das Riesenfräulein aus Thüringen ermüde war, rief sie ihrer Freundin zu, doch über das Tal zu springen. Die Riesin zögerte ein wenig, bis sie einen Bauern auf einem mit Holz beladenen Wagen spotten hörte. Da gab sich die Riesin einen Ruck, packte den Menschen mitsamt der Fuhre als auch den Pferden in ihre Rockschürze und übersprang mit einem gewaltigen Satz das Tal. Auf der anderen Seite angekommen, setzte sie den zutiefst erschrockenen Bauern auf die Erde ab und ging lachend mit ihrer Freundin weiter. Vom Sprung hinterließ ihr Fuß jedoch einen sichtbaren Abdruck im Felsen.
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